Wie Apps den Zugang zum Aktienmarkt revolutionieren

Ronja Jedro
Lesedauer: Minuten

Wie der Mobile Finance Report 2020 von adjust und apptopia berichtet, sind im ersten Halbjahr von 2020 die Downloadzahlen von Trading- und Investment-Apps in einer ganzen Reihe von Ländern nach oben geschnellt. Der Spitzenreiter: Deutschland, mit einer stattlichen Wachstumsrate von fast 140%.



Wachstum bei App-Downloads von Investment Apps 1.HJ 2020 über 2019














Quelle:
Apptopia Mobile Finance Report 2020, p. 17



Es ist unschwer zu erkennen, dass der neue Zugang zu Aktienmärkten über Apps auf immer größeres Interesse und wachsende Akzeptanz stößt. Zudem hat die CoVid19-Pandemie das Tempo der Digitalisierung für Finanzdienstleistungen nur noch angezogen.

Die neue Generation von Investment-Apps verlegen Dienstleistungen zum Aktienhandel aber nicht nur in eine neue, mobile und technisch weiterentwickelte Umgebung. Sie erfinden die Customer Journey an sich komplett neu. Statt über institutionalisierte Handelswege mit fest etablierten Vermittlern und entsprechenden Gebühren erlauben sie Anlegern eine neuen, direkteren Zugang zum Aktienmarkt.

Ein neues Modell für Investitionen

Robinhood, 2013 gegründet und seit 2015 als App verfügbar, war einer der ersten Anbieter, der sich speziell auf Klein- und Neuanleger fokussierte. Wie der inzwischen international bekannte Name schon andeutet, wollten die Gründer mit der App nicht nur Märkte zugänglicher machen sondern damit auch Vermögensaufbau. Erklärtes Ziel ist bis heute, wie die Firmenwebseite erklärt, “ein Finanzprodukt zu bauen, das jedem - nicht nur den Wohlhabenden - Zugang zu den Finanzmärkten ermöglicht”.

Eine Vielzahl anderer Investment- und Trading-Apps fokussiert sich auf jeweils eigene Märkte und Nischen. So basieren beispielsweise das US-amerikanische Acorns (gegründet 2012) oder niederländische Peaks (seit 2016) auf dem Prinzip des Micro-Investing. Verknüpft mit der Kreditkarte oder Payment-App werden Zahlungsbeträge aufgerundet und die Differenzen direkt investiert. Freetrade, 2016 in Großbritannien gegründet, und das australische Stake (seit 2017) sind bereits auf europäischen Märkten aktiv und können hier einen Vorsprung gegenüber Robinhood etablieren, das momentan nur für US-Bürger verfügbar ist. eToro, ursprünglich 2007 als RetailFX in Israel gegründet, hat sogar Nutzer in mehr als 140 Ländern, auch in Deutschland. Die App baut seit 2010 auf ein “CopyTrading” Konzept, bei dem Anleger den erfolgreichsten Tradern folgen und sie kopieren können. Einkommen generieren diese Apps dabei nicht hauptsächlich über Kommissionen, sondern über Subscription-Modelle oder Payment for Order Flow. Beim letzteren handelt es sich um eine Art Kickback von Brokern, denen die Auftragsausführung überlassen wird und die per Bid-Offer-Spread an jedem Handel noch etwas zu verdienen suchen.

Apps mit junger Zielgruppe

Natürlich bieten auch andere Banken und Online Broker zunehmend mobile Lösungen für den Aktienhandel an. Diese neue Gruppe von FinTech-Startups unterscheiden sich aber in ihrer Grundstruktur von traditionellen Anbietern. Als international angelegte, Social-Media-attraktive Apps haben sie eine besonders junge Zielgruppe von 25- bis 35-jährigen, die neben Zugang zum Aktienhandel vor allem ein neuartiges User Experience sucht. Zugänglichkeit und Benutzerfreundlichkeit sind damit das entscheidende Alleinstellungsmerkmal dieser neuen Investment-Apps. So gaben laut dem Digital Finance Report 2020 von Bitkom 40% der Befragten nicht nur ihre Meinung sondern auch ihre Erwartung an, dass “Smartphone-Apps für Aktien- und Wertpapiergeschäfte durch ihre einfache Benutzbarkeit mehr Menschen ermöglichen von der Wertentwicklung der Unternehmen zu profitieren”.

Es ist also gerade die neue Platzierung auf dem Smartphone und in der Hosentasche, die diese sogenannten Neobroker so attraktiv macht. Übersichtliches Design, eine Community-Einbindung und ein einfacher Einstieg lassen die UI/UX zum eigentlichen Produkt werden.

Besondere Chancen - besondere Risiken?

Oft haben die Apps keine oder niedrige Grenzen dafür, wie klein ein Handel ausfallen darf und machen den anteiligen Kauf von weniger als einer Aktie möglich. Sie verlangen wie erwähnt keine oder sehr niedrige Gebühren und sind auch außerhalb der Börsenzeiten verfügbar. Die Apps wollen offensichtlich die Einstiegsschwelle in den Aktienhandel senken, und werben neue Nutzer in manchen Fällen sogar mit geschenkten Aktienanteilen. Dafür bieten die Apps, anders als traditionelle Broker, gar keine oder nur minimale Beratung - die Kaufentscheidung wird in und außerhalb der App von Info-Artikeln, Foren und Social Media beeinflusst.

Gerade dieser letzter Aspekt wird vom deutschen Markt eher mit Misstrauen beäugt. In der Umfrage des oben erwähnten Bitkom Digital Finance Report gaben 69% der Befragten an, dass “die Unterstützung eines Beraters zwingend notwendig [ist], um gute Anlageentscheidungen zu treffen.” Das Entkoppeln der Beratung und die Gamification des Handels mit Aktien bergen also, besonders für unerfahrene Nutzer, gewisse Risiken.

Zu viel Macht?

Welche Dynamik der direktere Marktzugang entfalten kann, zeigte sich in einer interessanten Fallstudie im Januar 2021. Kleininvestoren koordinierten über Reddit einen Kauf von Gamestop-Aktien, um einen Wertverfall des Unternehmens, auf den Hedgefonds spekuliert hatten, zu verhindern. Sie waren dabei sogar so erfolgreich, dass US-Behörden jetzt wegen Marktmanipulation ermitteln. Entrüstung brach aber aus, als Robinhood den Handel mit Gamestop-Anteilen auf der Höhe des Kaufrauschs einfach aussetzte. Der Neobroker hatte zwar einen guten Grund für den Handelsstop. Die Sicherheitseinlage bei der Clearingstelle DTCC reichte für das erhöhte Handelsvolumen nicht aus. Das Ideal der neuen Marktmacht von Kleinanlegern ist damit aber etwas lädiert: Auch Trading-Apps eliminieren die Mittlerfunktion nicht, sie ersetzen sie nur, teilweise sogar mit undurchsichtigeren Bedingungen als vorher.

Vielversprechende Aussichten

Dennoch: Neobroker erfinden den Prozess von Investition und Aktienhandel neu und ziehen damit junge Investoren an. Mit klarem Design und einer an Millenials orientierten Customer Journey werden sie in den nächsten Jahren viele Nutzer dazugewinnen können, und müssen dann beweisen, dass sie selbst mit der neu geschaffenen Dynamik Schritt halten können. So erwarten Nutzer von den Apps als Finanzdienstleister und Verwalter hochsensitiver Daten eine jederzeit und jederorts fehlerfreie Funktionalität - und das zurecht. Nutzervertrauen und Einhaltung von Finanzrichtlinien wird in der weiteren Marktdurchdringung eine elementare Rolle für die Konkurrenzfähigkeit der Neobroker spielen.

Noch ist die Marktdurchdringung der neuen Investment-Apps im DACH-Markt aber in einer frühen Phase. Etablierte Anbieter, allen voran Banking Apps, könnten den Trend für sich selbst nutzen, indem sie eine attraktivere UX und vereinfachte Investitionsfunktionalitäten verstärkt in ihre bestehende Apps einbinden. So empfiehlt beispielsweise ein Whitepaper des Sparkassen Innovation Hub zum Thema Wertewandel, “Produkte auch für kleine Anlagebeträge [zu] öffnen” sowie “mit einem übersichtlichen, ansprechenden Interfacedesign (UI), spielerischen Elementen zur Dateneingabe und -pflege [und] der Verwendung von Status- und Fortschrittsanzeigen zur Führung durch Prozesse” eine neue Gruppe potenzieller Investoren für sich zu begeistern.

Eines ist sicher: Das phänomenale Wachstum von Investment- und Trading-Apps, besonders in Deutschland, sagt interessante Entwicklungen für die nächsten Jahre voraus.

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