Fortschritt über Fortschritt: Wie 5G verschiedene Wirtschaftszweige revolutioniert

Florian Sasse
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Der neue Mobilfunkstandard 5G nimmt zunehmend Formen an.

Drei der großen vier Telekommunikationsanbieter Deutschlands betreiben bereits Antennen für den LTE-Nachfolger – sowohl in etlichen größeren als auch zunehmend in kleineren Städten. Dabei nutzen sie für den Verbindungsaufbau jedoch bisher altbewährte 4G-Technik. Lediglich der Datentransport wird über 5G sichergestellt.

Vodafone geht nun einen anderen Weg: Sie bieten seit einigen Wochen “echtes 5G” an. Das bedeutet, dass sie ihr Mobilfunknetz im Bereich von 3,5-Gigahertz betreiben. Diesen Service bieten sie zunächst an circa 1.000 Standorten deutschlandweit an. Doch was ist der Vorteil dieser Technologie? Laut Vodafone eröffnen sich nur auf diese Weise alle besonderen Fähigkeiten von 5G. Dazu gehören neben der hohen Bandbreite, die jedoch auch mit dem 4G-Verbindungsaufbau erreicht werden kann, vor allem eine geringe Latenz und die Segmentierung des Netzes – auch Network-Slicing genannt.

Wie hoch ist der Nutzen der 5G-Investitionen?

Im Allgemeinen könnte Deutschland einen volkswirtschaftlichen Nutzen von knapp 45 Milliarden Euro bei Kosten von rund sechs Milliarden Euro haben – ein Netto-Nutzen von mehr als 38 Milliarden Euro. Das ist das Ergebnis einer Studie von Qualcomm und Ericsson aus dem November letzten Jahres. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland damit einen der Spitzenplätze. Während der durchschnittliche Kosten-Nutzen-Faktor innerhalb der untersuchten europäischen Länder bei 4,5 liegt, verzeichnet Deutschland einen besonders hohen Faktor von 7,5.

Innerhalb der Studie wurden die möglichen 5G-Anwendungsgebiete in vier Cluster geteilt: Smart Urban, Smart Production and Logistics, Smart Rural und Smart Public Services. Die größten Chancen liegen für Deutschland in den Bereichen Smart Urban und Smart Production. Smart Urban beinhaltet die Baubranche, den öffentlichen Nahverkehr sowie den Automotive-Sektor. 5G kann in diesen Sektoren unter anderem einen entscheidenden Beitrag zur CO2-Reduktion leisten. Deutschland liegt mit einem Kosten-Nutzen-Faktor von 11,7 auf dem fünften Platz innerhalb der untersuchten Länder Europas – der durchschnittliche Wert beträgt 8. Im Bereich Smart Production – dieser umfasst den 5G-Einsatz in Häfen, Flughäfen, Fabriken und Bergbau – liegt ebenfalls enormes Potenzial. Bei einem durchschnittlichen, europaweiten Faktor von 4 liegt Deutschland dort mit einem Faktor von 7,3 auf dem dritten Platz aller untersuchten Länder.

Besonders die Automobilbranche verspricht sich vom 5G-Ausbau starke Veränderungen. Laut einer Erhebung des Business Performance Innovation Network (BPI) erwarten 70 Prozent der befragten IT-Experten für den Automotive-Sektor starke Disruptionen. Dies umfasst vor allem die Konnektivität zwischen den Fahrzeugen, die sogenannte Car-to-Car-Kommunikation. Mit der Nutzung von 5G wird diese in Zukunft fast latenzfrei und somit beinahe in Echtzeit möglich sein. Auch die Telemedizin steht momentan vor großen Entwicklungssprüngen. Dank 5G können eigene Körperwerte bei chronisch kranken Personen digital überwacht und an Ärzte oder Pflegestellen gesendet werden. Somit würde sich auch die Versorgung ländlicher Regionen erheblich verbessern.

Chancen und Risiken der 5G-Technologie – was überwiegt?

Aus Verbrauchersicht sorgt der 5G-Netzstandard durch schnelleres und zuverlässigeres mobiles Internet für etliche neue Möglichkeiten. Beispielsweise kann sowohl die Online-Kommunikation als auch multimediale Anwendungen – wie mobile Games oder das Streamen von Inhalten in hochauflösender 4K-Qualität – von der höheren Geschwindigkeit profitieren. Auch für Großveranstaltungen bedeutet der Ausbau des 5G-Netzes einen enormen Sprung nach vorn. Denn um Überlastungen und temporäre Ausfälle des mobilen Netzes bei Großveranstaltungen zu vermeiden, bietet vor allem das Network Slicing des 5G-Standards große Vorteile. Dadurch wird das Netz aufgeteilt – während ein Teil des 5G-Netzes beispielsweise für die ruckelfreie Live-Übertragung einer Sportveranstaltung reserviert wird, kann ein anderer Teil den tausenden Stadionbesuchern zur Verfügung gestellt werden. Weitere Chancen entstehen ebenfalls für Smart Home-Technologien und im Bereich Smart Metering. Lokale Energieversorger können dank der neuen technischen Möglichkeiten ihre Gas- und Wasserzähler intelligent miteinander vernetzen. Somit sind sie in der Lage, Strom-, Wasser- und Gasverbrauchswerte automatisch abzulesen. Ebenfalls lassen sich im Smart Home der Stromverbrauch sowie die Elektrogeräte intelligent steuern.

Hinsichtlich der Risiken werden häufig potenzielle Gesundheitsschädigungen aufgrund der Mobilfunkstrahlung genannt. Allerdings ändert sich durch den Einsatz von 5G an der Strahlenbelastung zunächst wenig. Warum? Die für 5G genutzten Mobilfunkfrequenzen wurden größtenteils bereits für 4G genutzt, dabei jedoch für andere Zwecke eingesetzt. Die stärkste Strahlung geht deshalb von nah am Körper genutzten Smartphones aus. Dabei ist es irrelevant, ob sich das Gerät am Ohr, in der Hand oder in der Hosentasche befindet. Im Allgemeinen gilt hier der Grundsatz: Durch eine Verdoppelung des Abstands reduziert sich die Strahlung auf ein Viertel.

The next big thing

Flächendeckendes 5G ist keine reine Zukunftsmusik mehr. Bis Ende 2021 planen die Telekommunikationsanbieter, dem Großteil Deutschlands 5G zur Verfügung zu stellen. Die Telekom hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis Jahresende insgesamt 90 Prozent der Bevölkerung mit dem schnellen Mobilfunkstandard zu erreichen. Dabei setzen auch sie zunehmend auf “echtes” 5G. Auch der Konkurrent Vodafone korrigierte erst kürzlich sein Ziel nach oben. Statt der bisher eingeplanten 20 Millionen sollen nun 30 Millionen Menschen Zugriff auf den Mobilfunkstandard haben. Telefónica Deutschland plant darüber hinaus, 30 Prozent der Deutschen mit dem 4G-Nachfolger versorgen zu können.

Währenddessen wird bereits am Nachfolger vom Nachfolger geforscht: 6G. Bis 2025 investiert das Bundesforschungsministerium circa 700 Millionen Euro in die Forschung am 6G-Netzstandard. Dieses soll das 5G-Netz ab 2030 kontinuierlich ersetzen und Daten dabei mit 100-facher 5G-Geschwindigkeit übertragen können. Die Zukunft der Telekommunikation bleibt spannend.


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