Open Banking: Wie Drittanbieter von neuen EU-Regulierungen profitieren können

Lars Markull Lars Markull
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Heben Sie Ihre Hand, wenn Sie folgendes schon einmal in Europa gehört haben.

„Kunden vertrauen Banken nur wenn es um Banking geht, aber nicht bei Beratungsdienstleistungen!“ „Nur Banken können finanzielle Dienstleistungen für Endverbraucher entwickeln!“ „Banking ist langweilig, weil Kunden es nun mal so erleben!“

Hört sich das bekannt an? Das waren alles Behauptungen, die ich von Marktteilnehmern in ganz Europa vor ein paar Jahren gehört habe. Die Bankindustrie in Europa folgte bislang diesen Annahmen, weil es für eine sehr lange Zeit keine modernen Beispiele gab, die diese Annahmen in Frage stellten.

Allerdings war der Grund, das es keine Gegenbeispiele gab, nicht, dass die Annahmen korrekt waren, sondern vielmehr das äußere Faktoren davon abhielten, diese Hypothesen eingehend zu überprüfen (und dann als falsch zu widerlegen). Kurz gesagt: Die Europäische Bankindustrie lebte lange auf der Grundlage von unüberprüften Hypothesen.

Dass diese jetzt getestet werden können, geschieht durch die Unterstützung einer unerwarteten Instanz - der Finanzaufsicht. Die neue Zahlungsrichtlinie (Payment Service Directive 2 oder PSD2) verändert die Banking-Landschaft. Die Richtlinie ist in den meisten EU-Ländern seit Januar 2018 in Kraft getreten, aber die größte Einwirkung wird ab Mitte 2019 bemerkbar sein. Ab diesem Zeitpunkt müssen Banken Schnittstellen anbieten, die Drittanbietern Zugriff auf Finanzdaten und Zahlungsfunktionalitäten mittels Zahlungsverkehrskonten ermöglichen.

Wie PSD2 eine neue Ebene des Wettbewerbs auf dem Frontend von Digitalen Banking Produkten bietet

PSD2 ist ein Teil der „Open Banking“ Bewegung, die historische, nicht zugreifbare Daten für Drittanbieter verfügbar macht. Viele Länder auf der Welt folgen dem Beispiel der EU aus einem einfachen Grund: den Wettbewerb im finanziellen Sektor anzukurbeln.

Zu lange haben Finanzinstitutionen von Eintrittsbarrieren profitiert, und somit bewusst und unbewusst Neuerungen vermieden. Die neue Richtlinie erlaubt der Konkurrenz auf einer Augenhöhe mit etablierten Unternehmen (wie Banken) und neuen Mitspielern (wie FinTech Startups oder Außenstehenden) zu sein.

Durch wachsenden Wettbewerb müssen Banken und FinTech Startups völlig neue Produkte und Herangehensweisen für bestehende Produkte entwickeln. Eine neue Dienstleistung muss 100% digital konzipiert sein, da der Verbraucher keine Produkte mehr akzeptiert, die nur aus schönen Webseiten bestehen und die auf manuellen und langsamen Prozessen aufbauen.

Im Kampf zwischen agilen Angreifern und etablierten großen Unternehmen wird der härteste Kampf darum geführt, wem in Zukunft das sogenannte Frontend (die Nutzeroberflächen digitaler Banking Produkte) der Endverbraucher gehören wird. Der sogenannte Inhaber des Frontends hat die einzigartige Gelegenheit, mit dem Endverbraucher täglich zu kommunizieren. Diese Art der Kommunikation wurde traditionell nie von Banken genutzt, ist aber eine der größten Stärken eines Technologieunternehmens.

Auch wenn es keine kurzfristigen Monetisierungsmöglichkeiten dabei gibt, „nur ein Frontend anzubieten“, sind die Chancen auf signifikantes Benutzerwachstum und - wichtiger noch, die Möglichkeit zur täglichen Interaktionen mit Endverbrauchern - enorm. Die Banken wollen und können diesen Kampf nicht verlieren, denn nur der „dumme Infrastruktur-Mitmacher“ zu sein, würde die Flexibilität und die Möglichkeiten des Cross-Selling eindämmen. Die Banken wissen sehr gut, dass agile Akteure Dienstleistungen schneller als Prototyp testen und einführen können, und damit eine höhere Chance haben, Erfolge zu erringen.

PSD2 ist der erste Schritt, neuen Mitspielern in der Banking-Industrie ein Frontend im Banking-Bereich anzubieten und auf Daten der Banken und anderer Anbieten zuzugreifen. Was ist allerdings die richtige Strategie, um diesen Richtlinienwechsel zu nutzen? Nur weil der Zugriff gestattet wird und Eintrittsbarrieren verschwinden, heißt es nicht, dass man einfach gewonnen hat.

Vorschriften, hohe Kapitalanforderungen und eine komplexe Dienstleistungsstruktur sind für junge Startups immer noch schwer zu bewältigen. Dennoch könnte 2018 das Jahr sein, in dem innovative Unternehmen von dem rigorosen Wechsel der Bankrichtlinien profitieren können.

Die drei Schritte für FinTech-Newbies

Jedes Unternehmen oder Startup, dass darüber nachdenkt, in den Bereich des Bankings einzusteigen, sollte die folgenden drei Schritte im Ideenprozess beachten.

a) Die Richtlinien lesen und verstehen

Das erscheint vielleicht als selbstverständlich, aber es ist erstaunlich wie differenziert das Wissensniveau zwischen den Industriegiganten im Bereich von PSD2 ist. Auf der einen Seite knackt PSD2 Silos und gestattet Drittanbietern Zugriff auf finanzielle Daten, aber es ist wichtig zu wissen, welche Bankkonten und finanzielle Daten verfügbar werden, um somit zu erkennen, welche Ideen wirklich funktionieren werden.

Auf der anderen Seite wird PSD2 oft als Anti-Bank und Pro-Startup Richtlinie gewertet, aber das ist nicht so. Startups und andere Drittanbieter müssen sich an Gesetze halten, dies bedeutet in den meisten Fällen, dass eine PSD2 Lizenz erworben werden muss (je nach Land, in dem der Dienst angeboten wird). Das ist insbesondere für neue Anbieter und branchenfremde Akteure ein neues Hindernis, das durch PSD2 eingeführt wird.

b) Mit Brancheninsidern reden

Leider zeigen die Richtlinien und weitere Dokumente nur die Hälfte des Gesamtbildes. Aus diesem Grund ist der direkte Kontakt mit Brancheninsidern wichtig, wenn ein Unternehmen eine Dienstleistung anbieten möchte. Ursache hierfür sind verschiedene Faktoren, aber am wichtigsten ist, dass ein etablierter Brancheninsider den Einfluss einer neuen Richtlinie viel besser einschätzen kann.

Wichtiger als die Richtlinie selbst, ist oft die Umsetzung und die Akzeptanz der Industrie. Dieser Schritt ist für Team und Unternehmen, die noch keine Erfahrung im Banksektor haben, wesentlich.

c) Vernetzung mit anderen Sektoren

Wenn die Richtlinie selbst verstanden und die Einblicke von Brancheninsidern gesammelt wurden, ist der letzte wichtige Schritt, die Entwicklungen mit Trends anderer Sektoren zu verbinden. Die Bankingindustrie in Europa war bisher weitestgehend isoliert und der Einfluss von Trends anderer Wirtschaftszweige erreichte die Banken nur mit großer Zeitverzögerung. Allerdings ändert sich dies nun, und derjenige, der jetzt einen Dienst im Bankingbereich anbieten will, muss auch einen Blick außerhalb des klassischen Banking werfen. Themen wie GDPR, Blockchain und Voice sind nur die Spitze des Eisbergs.

Neue Richtlinien öffnen neue Möglichkeiten und PSD2 könnte die mit den weitreichendsten Chancen sein. Typische Ideensammlungsprozesse können helfen, Kundenbedürfnisse zu identifizieren und neue Produkte zu entwickeln. Wenn die Idee jedoch einer Finanzregelung nahe kommt, sollte das Team den oben genannten Schritten besondere Aufmerksamkeit schenken.

Oft kann es einfach sein, als Erster zu beginnen und die Regulierungsbehörde indirekt als Unterstützer für das eigene Unternehmen wie eine Waffe zu nutzen. Aber Möglichkeiten locken auch immer andere Akteure an, da ist Schnelligkeit oft eine der entscheidenden Faktoren. Diese drei Schritte können wertvoll sein, um wertvolle Ideen schneller zu identifizieren und dann umzusetzen.

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